„Il Trovatore“ – Verdi-Premiere in der ungarischen Staatsoper

Die Kraft in der Dunkelheit oder als sollte sich im Programmheft bereits eine Ahnung manifestieren … ?

BildVerdis „Il trovatore“ („Der Troubadour“), ein dramma lirico, eine Oper, so düster wie kaum eine andere und doch so prachtvoll. Liebe, Tod, Hass und Rache drehen sich in einer immer enger werdenden Spirale um die vier großen Partien von Manrico (Kamen Chanev) und Graf von Luna (Michály Kalmándy), Leonora (Gabriella Létay Kiss ) und Azucena (Ildikó Komlósi). Der mittelalterliche Ort der Handlung wurde in der Budapester Erkel Theater-Inszenierung von Judit Galgóczy an einen neueren der 30ger Jahre verlegt.

Im Vorwort zur Premiere hieß es, diese Oper sei ein Muss und beinahe alle Plätze der beiden Premieren-Vorstellungen seien ausverkauft. Man solle sich sputen, wolle man dem Ereignis beiwohnen: Wenn ein Troubadour zur Perfektion gerate, dann sei er ein rasender Tornado von Oper, der mit der forschen Intensität von Verdis Partitur und den heftigen Emotionen der Charaktere den Besucher durch das Drama ziehe. Aber trotz der Leichtigkeit des Handlungsstranges sei er trügerisch anspruchsvoll: ein Monster-Werk, das gefräßige Forderungen an seine Interpreten stelle, sowie einer fehlerlosen Regie bedürfe. „Ohne weiten Stimmumfang und gekonnt darstellerische Dramatik kann eine Produktion abstürzen, wenn es ein einziges schwaches Glied gibt. Unzählige Opern-Gruppen sind damit tief gefallen“, so las man weiter, „wenn mehr als eine der Hauptrollen glanzlos wurde und die Oper ihr Ziel verfehlt hatte, sich in flammendem Inferno zu verbrennen, wie es sein sollte.“

„Il trovatore“ gehört zu Verdis meist gespielten und beliebtesten Opern. Das düstere Kolorit im Spanien des 15. Jahrhunderts und die ungeheuer zarte und zugleich heroische Liebesgeschichte zwischen Leonora und ihrem Troubadour Manrico ließ die Uraufführung des Werkes zum persönlichen Triumph für den Komponisten werden, so weiß man allenthalben. Die schwelgerischen Melodien, die südlich leuchtende Farbigkeit der Musik, aber auch die Innigkeit in den Arien – vor allem Leonoras – erreichen hier eine Tiefendimension, die über den bloßen Belcanto-Ton weit hinausweist, ist für jedermann in Wikipedia zu lesen.

Und dann kam der März-Abend der Premiere. Erfüllt von Spannung und belebt durch Tempo und das forsche Blech des Orchesters unter Leitung von Ádám Medveczky, konnte es endlich losgehen. Chorsänger und Statisten hatten ihre Runden durch die Foyers gedreht, sich auf der Bühne eingefunden, um diese wiederum über einen kleinen Steg zu verlassen, hin und her, bis dass endlich jemand das Publikum willkommen hieß, zum „Troubadour“. Ok, das wussten wir ja nun. Zumindest optisch passierte dann eine Menge: unterschiedlich große Brücken verwandelten sich und geben enorme Bühnentiefe vor. Sie schoben sich in und umeinander, durch seitliche Türen entstanden Auf- und Abgänge in stets wechselnde Räume verschiedenster Größe. Katalin Juhász hat Anständiges geschaffen, die riesige Bühne des Budapester Erkeltheaters, des zweiten Opernhauses der Stadt, zu strukturieren und diese in Spielorte von heimlicher Intimität bis zu überdimensionaler Massenszenen-Tauglichkeit zu verwandeln. Gute Idee, gelungene Ausführung, bestens geeignet, dem massigen Chor bei ausgeklügelter Führung die notwendige Bewegungsfreiheit zu offerieren. Das funktionierte einwandfrei. Obwohl vom erfahrenen und bewährten Chordirektor Kálmán Strausz gut trainiert, ließen Versatzmomente zwischen Chor und Orchester den scharfsinnigen Zuhörer erschrecken. Aber das mochte der Nervosität einer Premiere zuzuschreiben gewesen sein.

Judit Galgóczy, Regisseurin ihres Zeichens und Glied der im Programmheft beschworenen Erfolgskette, hatte an Einfällen keine Not. Sie wollte ihren Part sehr gut gestalten und zeichnete verantwortlich für Szenerien an Orten, die im wahrsten Sinne des Wortes niemandem bekannt werden sollten, der die Oper kennt. Ob Rollstuhlfahrer, Krankenbett im Irrenhaus, flammende Küchenherde, es sollte allerorts krachen und zünden, um das Inferno anzuheizen. Und so entwickelte sich bereits in der Pause aus der Ratlosigkeit der Besucher, die nicht wussten, in welchem Stück sie sich befanden, Zündstoff für ein furioses Ende. Zum Ende der Pause ging das Rennen um die schon zu Beginn zahlreichen freien Plätze eher gemächlich zu; ein weiteres Indiz für die Stimmung im Haus.

Aber da gab es noch die Gesangs- und Schauspielprotagonisten um die vier großen Partien. Sie befriedigten, wurden nach jeder Arie gefeiert. (Der Ungar an sich liebt seine Sänger und da gibt es nichts!!!) Mihály Kálmándy, ungarischer Bariton mit rumänischen Wurzeln und Ausbildung, sowie bereits durch Nabucco Verdi gefeiert und an guten Häusern international beschäftigter Sänger machte seiner Rolle als Graf von Luna alle professionelle Ehre. Sein Konterpart Kamen Chanev als Manrico tat es ihm gleich. Der bulgarische Tenor bewies an diesem Abend, warum er stets an große Häuser in Deutschland, Spanien, USA, Südkorea oder Niederlande geladen wird. Die beiden Männer waren Erfolgsgaranten. Hinzu kam eine hinreißende Azucena perfekt verkörpert durch Ildikó Komlósi. Zwischen der New York Metropolitan Opera, der Wiener Staatsoper, der Mailänder Scala, der Arena di Verona, der Semperoper Dresden und Londons Covent Garden ist sie immer mal wieder ein Glück für Budapest. Welch eine Bühnenpräsenz, welch ein bissiger Mezzo, die Magierin für den perfekten Verdi-Zauber dieses Premieren Abends: ein entflammter Feuerball aus Leidenschaft und Rache, genauso wie im Vorwort angekündigt. Dann noch Gabriella Létay Kiss, die als Leonora in der unnachahmlich ungarischen Art vom Publikum geliebt wurde, obwohl ihre gestemmte, geknödelte, vielleicht auch nicht ganz gesunde Stimme an diesem Abend ein blasses Element in der Viererkette mit Regisseurin darstellte.

Das feurige Ende sollte sich dann doch noch vollziehen, wohl ganz anders als gedacht. Das Gesangsquartett wurde lautstark bejubelt, die Regisseurin fiel dem flammenden Inferno der Besucher gänzlich zum Opfer. Hat sich doch die Vorhersage erfüllt?

Foto: Attila Nagy (Ildikó Komlósi, Magierin des perfekten Verdi-Zaubers bei der Budapester TROVATORE-Premiere)

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